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dr. bahnsinn

Verkehrsminister

Registrierungsdatum: 15. April 2007

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Sonntag, 19. März 2017, 22:50

[Afrika] Studie über die Probleme des öffentlichen Verkehrs in afrikanischen Großstädten

Eingeschränkte Chancen

Afrikas Städte südlich der Sahara wachsen - und das rasant. Viele Metropolen haben in den vergangenen Jahrzehnten ihre Einwohnerzahl vervielfacht. Weit weniger schnell nimmt der Wohlstand zu. Eine aktuelle Studie der Weltbank suchte nach möglichen Gründen dafür und fand eine Ursache im öffentlichen Nahverkehr. Das Angebot ist oftmals nicht nur ineffizient, sondern so teuer, dass es sich viele Stadtbewohner gar nicht leisten können. Ein eingeschränkter Bewegunsgsspielraum bedeutet aber auch geringere Chancen - etwa auf einen Job.

Symptom und Ursache zugleich

Afrikas Großstädte gehören zu den am schnellsten wachsenden der Erde. Bis 2030 wird die Zahl ihrer Bewohner um 350 Millionen ansteigen. In den kommenden 45 Jahren soll der Zuwachs sogar eine Milliarde ausmachen. Und im Gegensatz zu vielen anderen Metropolen auf der Welt wachsen die meisten von ihnen nicht durch Zuzug, sondern aus sich selbst heraus. Landflucht, also die Zuwanderung einer - zumeist armen - Landbevölkerung in die Städte, ist in den meisten afrikanischen Metropolen nur ein Randphänomen.

Nun sind allgemeine Aussagen über einen ganzen Kontinent immer mit Vorsicht zu genießen. Hunderte Millionen Menschen lassen sich nicht über einen Kamm scheren. Dennoch ähneln sich die Herausforderungen, vor die viele Großstädte in Afrika gestellt sind: Ihre Wirtschaft entwickelt sich weitaus weniger schnell als ihre Bevölkerung, viele Einwohner finden keine Jobs, es mangelt an Infrastruktur.

Zwei „Öffi“-Fahrten pro Tag zu teuer

Symptom und gleichsam eine Ursache dafür: Probleme im öffentlichen Nahverkehr. So stellt es zumindest eine im Februar veröffentlichte Studie der Weltbank fest. Die Autoren zitieren darin eine Reihe vorangegangener Studien, allesamt mit dem weitgehend gleichen Tenor: Der öffentliche Verkehr ist in den meisten afrikanischen Städten verhältnismäßig teuer - für viele Einwohner sogar schlicht zu teuer.

Das liegt zuvorderst an den noch immer geringen Einkommen. Selbst die reichsten 20 Prozent in Afrikas Städten geben ein Drittel ihrer Einkommen für Lebensmittel aus. Beim ärmsten Fünftel sind es sogar 60 Prozent. Zum Vergleich: In Österreich machen Lebensmitteleinkäufe zehn Prozent der monatlichen Pro-Kopf-Ausgaben aus.

Neben weiteren Fixkosten wie zum Beispiel fürs Wohnen bleibt vielen afrikanischen Stadtbewohnern für Verkehrsmittel kaum noch Geld über. Besonders eindrücklich sind die Zahlen einer - wenn auch schon etwas länger zurückliegenden - Studie aus dem Jahr 2008. Sie untersuchte die Infrastruktur in großen afrikanischen Städten, darunter Äthiopiens Hauptstadt Addis Ababa und Daressalam, die größte Stadt Tansanias. Das Ergebnis fiel ernüchternd aus: In acht von elf untersuchten Städten konnte sich eine durchschnittliche Familie nicht einmal zwei Einzelfahrten pro Tag leisten.

Zersplitterte Städte

Viele Bewohner legen deshalb die meisten Wege - auch zur und von der Arbeit - zu Fuß zurück. Das macht es für Arbeitnehmer wie auch für Arbeitgeber schwierig. Wer einen Job sucht, muss sich auf einen engen Umkreis beschränken. Wer einen Posten zu vergeben hat, kann sich nur an eine begrenzte Anzahl von Interessenten wenden. Einer der große Vorteil von Städten, nämlich der einfachere Zugang zu einem größeren Arbeitsmarkt, wird damit zunichte gemacht.

In Daressalam betrage der durchschnittliche Arbeitsweg weniger als sechs Kilometer, so die Studie. Die Stadt mit ihren fünf Millionen Einwohnern funktioniere deshalb weniger als eine geschlossene Großstadt, sondern vielmehr als viele kleine, voneinander abgegrenzte Ortschaften. Diese Art von Zersplitterung lässt sich laut der Studie in vielen afrikanischen Städten erkennen.

Minibusse als Rückgrat des öffentlichen Verkehrs

Ebenso kleinteilig ist der öffentliche Verkehr selbst. U-Bahnen gibt es auf dem afrikanischen Kontinent gar keine, Straßenbahnen sind die Ausnahme und auch Großraumbusse eine Seltenheit. Den Personentransport übernehmen in den meisten Fällen Kleinbusse. „Ihre Dienste werden hoch geschätzt“, so die Weltbank-Studie. Doch die Autoren verweisen auch auf Schwachstellen des Kleinbussystems.

So seien die kleinen Busse einer der Gründe für die verhältnismäßig hohen Beförderungspreise. Je mehr Passagiere in einem Verkehrsmittel Platz hätten, desto günstiger würde es für den einzelnen. „Die Fahrt pro Kilometer und Gast ist mit dem Bus günstiger als mit dem Minibus und mit dem Minibus günstiger als mit dem Auto“, so die Studie der Weltbank. Das gilt allerdings nur, wenn die Busse auch gut gefüllt sind. Ein halb leerer Bus mit 50 Sitzen ist weniger effizient als ein gefülltes Großraumtaxi - und damit auf lange Sicht auch teurer für die Fahrgäste.

Fehlende Struktur

Es kommt also auf den richtigen Mix an. Um den muss sich aber auch jemand kümmern. Und da wird es in den meisten afrikanischen Städten schwierig. Denn der öffentliche Nahverkehr liegt zu einem großen Teil nicht in den Händen der Stadtverwaltung, sondern vieler kleiner privater Anbieter. Oftmals kann nicht einmal von Busunternehmen die Rede sein. Vielmehr ist jeder Busfahrer sein eigener Firmenchef. Die vielen Minianbieter eignen sich aber kaum als Instrument für die Stadtplanung. „Sie begleiten das Wachstum der Städte mehr als sie es strukturieren“, so die Studie.

Laut den Studienautoren benötigen afrikanische Städte nun aber genau solche Strukturierungsmaßnahmen, um sich aus der „Falle einer langsamen Entwicklung“ zu befreien. Dazu gehöre auch die Investition in einen effizienten und kostengünstigen öffentlichen Nahverkehr. Und noch einen Rat haben die Autoren für die Entscheidungsträger in Afrikas Städten parat. Die Politiker „müssen sehr sorgfältig über die langzeitigen Konsequenzen ihrer Entscheidungen nachdenken“, so die Studie. Denn die jetzigen Entscheidungen hätten Auswirkungen „für Jahrzehnte, wenn nicht sogar für Jahrhunderte“.


ORF