[DE] Ärger über DB-Mobilitätsservice in Berlin: Kein Personal für Betreuung einer Rollstuhlfahrerin

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    Zugreise nach Berlin nicht möglich: Deutsche Bahn wird für Rollstuhlfahrerin zur Barriere
    17.05.19 | 17:30 Uhr
    Im Netz bloggt Ju Hahn über ihre Erfahrungen, die sie als Mutter im Rollstuhl sammelt. Barrieren sind für die 34-Jährige Alltag. Auch darüber wollte sie jetzt auf der "Blogfamilia" in Berlin berichten. Aber die Deutsche Bahn spielte nicht mit. Von Frank Preiss
    Keine barrierefreien Geburtsvorbereitungskurse und Krabbelgruppen, keine rollstuhlfreundlichen Spielplätze - und auch im Krankenhaus, in dem Ju Hahn vor fünf Jahren ihren Sohn zur Welt bringt, werden der Frau bauliche Grenzen gesetzt. Als nach einer Woche das Kind auf die Neanotologie verlegt werden muss, kann die frisch gebackene Mutter nicht nach ihrem Sohn schauen, weil der Raum für sie und ihren E-Rollstuhl viel zu klein ist.
    Seit vier Jahren berichtet Ju Hahn alias “Wheelymum“ in ihrem Blog [wheelymum.com] über solche Fallstricke, die sich ihr und ihrer Familie in den Weg stellen. In der Bloggerszene hat sie sich längst einen Namen gemacht, auch durch ihre regelmäßigen Besuche der "Blogfamilia", einer Elternbloggerkonferenz in Berlin. Jetzt am Wochenende findet sie wieder statt – und Ju Hahn wäre beinahe nicht dabei gewesen.
    Bild: Ju Hahn

    Keine Hilfe möglich
    Ursprünglich wollte die 34-Jährige mit dem ICE nach Berlin reisen, sie buchte frühzeitig genug Tickets. Auch den Mobilitätsservice der Bahn setzte sie vorschriftsmäßig früh in Kenntnis über ihren speziellen Bedarf. Gemeinsam mit ihren inzwischen zwei Söhnen und einer Begleitperson freute sie sich auf das Wochenende an der Spree. Doch dann erwies sich die Deutsche Bahn als Spaßverderberin.
    In einer ersten Nachricht an sie hieß es per Mail: "Im Zeitraum vom 16.05.2019 bis einschließlich 20.05.2019 ist das Personal auf dem Berliner Hauptbahnhof bereits verplant." Soll heißen: Es gibt keine Möglichkeit, Ju Hahn und ihren E-Rollstuhl per Hublift aus dem Zug zu holen und bei der gebuchten Abfahrt am Sonntag wieder in den Zug zu befördern.
    Es scheitert an einem Knopf
    Ju Hahn telefoniert sich die Finger wund und landet letztlich beim Team der Bahnhofsmission, das gerne helfen würde und auch genug Personal zur Verfügung hätte. Aber: Den Hublift, der per Knopfdruck betrieben wird, darf nur geschultes Personal bedienen. Und dazu gehören die Mitarbeiter der Bahnhofsmission nicht. Ju Hahn ringt im rbb|24-Gespräch um Fassung: "Diesen Knopf könnte selbst mein Mann betätigen", schimpft sie. Doch aus arbeitsschutz- und versicherungsrechtlichen Gründen sei das nicht möglich. "Das ist ein Behindern, wie es 2019 es nicht mehr geben dürfte. Barrierefreiheit – was ist das?", fragt sich Ju Hahn.
    Das, was die 34-jährige Bloggerin erlebt, ist kein Einzelfall. Immer wieder berichten auch andere Bloggerinnen und Blogger wie Laura Gelhaar und Raul Krauthausen, beide aus Berlin, von Unregelmäßigkeiten beim Mobilitätsservice der Bahn. Wer mit dem Rollstuhl per Zug reisen will, benötigt gute Nerven und viel Geduld. Doch falls tatsächlich - so wie per Mail an Ju Hahn mitgeteilt - gleich an fünf vollen Tagen am Berliner Hauptbahnhof kein Personal zur Verfügung stehen sollte, wäre das ein neuer Höhepunkt.
    Bahn räumt Missverständnis ein
    Die Deutsche Bahn spricht derweil von einem "Missverständnis". Frau Hahn sei der Sachverhalt falsch kommuniziert worden, sagt ein Bahnsprecher auf Anfrage von rbb|24 und erklärt: "Selbstverständlich ist Berlin weiterhin für mobilitätseingeschränkte Reisende erreichbar. Für den Zeitraum vom 15. bis 20. Mai gibt es sehr viele Anfragen für Ein-, Aus- und Umstiegshilfen für Berlin Hbf. Alle unsere dort verfügbaren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind im Einsatz. Teilweise helfen Kollegen anderer Berliner Fernbahnhöfe aus. Dennoch gibt es einzelne Fälle, bei denen wir um den Ausstieg in anderen Berliner Fernbahnhöfen wie Spandau oder Ostbahnhof bitten müssen. Von dort bitten wir um Weiterfahrt mit der S-Bahn, die mobilitätseingeschränkte Reisenden eigenständig nutzen können."
    Ju Hahns Zugfahrt sei nicht an fehlendem Personal am Hauptbahnhof gescheitert, sondern an der Kapazität im von ihr gebuchten Zug. Dort seien schon alle abrufbaren Rollstuhlfahrerplätze besetzt gewesen, erklärt der Bahnsprecher weiter. Hahn ringt im rbb|24-Gespräch erneut um Fassung – diese Erklärung sei ihr völlig neu: "Noch am Freitagmittag hat mir eine Mitarbeiterin des Mobilitätsservices der Bahn versichert, dass mich niemand am Hauptbahnhof aus dem Zug holen kann."
    Zu wenig Personal am Hauptbahnhof?
    Hat also ausgerechnet der größte Bahnhof in Deutschlands größter Stadt ein großes Personalproblem, wenn es um die Unterstützung von mobilitätseingeschränkten Passagieren geht? Der Bahnsprecher will das nicht kommentieren und belässt es bei Zahlen: "Auf dem Hauptbahnhof in Berlin sind tagsüber in verschiedenen Schichten bis zu 20 Personen für Menschen mit Behinderungen im Einsatz."
    Ju Hahn hat derweil eine andere Möglichkeit gefunden, doch noch an der "Blogfamilia" teilnehmen zu können. Am Freitagabend nimmt sie am Frankfurter Flughafen eine Lufthansa-Maschine - für 800 Euro. Die Bahntickets hätten sie 219,80 Euro gekostet.
    Twitter-Nutzer setzten am Freitagnachmittag deswegen eine Spendenaktion in Gang - und keine drei Stunden später war das Geld zusammen, wie Ju Hahn vermeldete.

    www.rbb24.de
    dr. bahnsinn - der Forendoktor