ein bissl boshaft: Zug statt Flug - Im Prinzip sehr schön

  • ein bissl boshaft: Zug statt Flug - Im Prinzip sehr schön

    Einen leicht boshaften Bericht über eine Familienreise nach Süditalien bringt Spiegel Online...:


    Zug statt Flug - Im Prinzip sehr schön

    Alle reden vom Klimaschutz - und steigen dann doch in den Flieger. Es geht aber auch anders: Wer mit dem Zug nach Süditalien reist, für den beginnt das Abenteuer bereits am deutschen Bahnsteig.
    Eine Kolumne von Stefan Kuzmany


    ÖBB-Nightjet München-Rom

    Montag, 21.10.2019 16:18 Uhr

    Lieber SPIEGEL, Papa schläft noch und hat gesagt, wehe man weckt ihn auf, darum schreibe ausnahmsweise ich heute seinen Aufsatz für Dich. Das ist auch gar kein Problem, weil ich ja weiß, worüber er schreiben wollte: Unsere Ferienreise nach Italien.

    Papa hat sich nämlich diesmal etwas ganz Besonderes ausgedacht. Diesmal, hat er gesagt, fahren wir mit dem Zug. "Von Berlin nach Süditalien mit dem Zug", hat die Mama gesagt, "Du spinnst ja."
    "Nein, ich spinne nicht, und wir machen das", hat der Papa gesagt. Weil alle würden immer über den Klimaschutz reden und dann doch in den Flieger steigen, aber diesmal nicht. Aus Prinzip, hat er gesagt, und überhaupt wäre das doch gar kein Problem, weil wir erst mal nur nach München fahren könnten und die Oma besuchen, die freut sich, und dann fahren wir weiter.

    Au ja, habe ich gesagt. Die Mama hat gesagt, das könnt Ihr gerne machen, aber sie fliegt. Und so haben wir es dann gemacht.

    Gleich haben wir es gemütlich
    Am 3. Oktober sind wir vom Hauptbahnhof in Berlin losgefahren. Das war diesmal nicht nur ein Feiertag, sondern auch der erste Tag der Herbstferien, und der ganze Bahnsteig war voller Familien mit ganz vielen Kindern und Koffern, und der Papa hat gesagt, zum Glück habe ich uns früh ganz günstig zwei Plätze in der ersten Klasse gebucht, und gleich werden wir es gemütlich haben.

    Der Zug ist dann aber lange nicht gekommen und es war auch nichts auf der Anzeige zu lesen, und alle Leute sind schon ganz nervös geworden. Dann kam eine Durchsage, dass unser Zug ausfällt, aber dass dafür ein Ersatzzug fährt und dass es keine Reservierungen gibt.

    Kein Problem, hat der Papa gesagt, in der ersten Klasse finden wir immer einen Platz, und wir sind schon mal zu der Stelle gegangen, wo die erste Klasse halten sollte, nämlich im Abschnitt A, so wurde es angezeigt.

    Als dann der Zug endlich gekommen ist, war er viel kürzer, als wir erwartet hatten für die vielen Leute. Und die erste Klasse hat dann doch ganz am anderen Ende gehalten. Alle sind schnell gerannt, das war gar nicht leicht mit den vielen Koffern, und es gab viel Geschrei und Rempelei.

    Als wir in der ersten Klasse angekommen sind, waren alle Plätze schon besetzt. Nur zwei waren noch frei, aber daneben saß ein Mann, der hat gesagt, die sind nur für Comfort-Kunden, aber der Papa hat gesagt, er ist selbstverständlich Comfort-Kunde, und ich soll mich hinsetzen und bloß nicht wieder aufstehen.

    Heute kontrolliert sowieso niemand
    Kurz nach der Abfahrt ist dann eine feine Dame mit ihrem Mann gekommen und hat auf Englisch zum Papa gesagt, das wären ihre Plätze und wir sollen aufstehen. Papa hat ihr ganz geduldig erklärt, dass das nicht mehr der Zug ist, in dem sie reserviert hat, und wir stehen nicht auf. Das hat ihr nicht gefallen, und wenn ich das richtig verstanden habe, hat sie gesagt, das wäre eine Unverschämtheit und sie komme nie wieder nach Deutschland.

    Sie hat sich dann neben uns in den Gang gestellt und den Papa die ganze Fahrt über böse angeschaut. Am Tisch nebenan saßen Leute, die die ganze Zeit Bier getrunken haben und sich laut darüber unterhalten haben, dass sie gar keine Karte für die erste Klasse haben, aber das würde heute sowieso niemand kontrollieren.

    Das hat die Englisch sprechende Frau zum Glück nicht verstanden, sonst wäre sie mit denen wahrscheinlich auch noch böse gewesen.

    Bei der Oma war es dann sehr schön und bald sind wir wieder nach München reingefahren, um den Nachtzug nach Rom zu nehmen. Das war ein österreichischer Zug, und vielleicht liegt es daran, dass die Bayern die Österreicher nicht so mögen, jedenfalls war nirgends angeschrieben, wo der Zug abfährt, und wir mussten kreuz und quer durch den Bahnhof laufen, bis wir ihn gefunden haben, auf dem hintersten Gleis ganz weit weg. Gleich haben wir es gemütlich, hat Papa gesagt, denn er hatte uns ein eigenes Abteil reserviert mit eigener Toilette und sogar einer Dusche.

    Gemütlich war es schon, aber auch sehr eng. Die Toilettentür ging nicht auf, weil der Koffer davor stand. Also hat der Papa den Koffer ganz nach oben in die Gepäckablage gehoben, aber das war nicht so einfach, weil der Zug schon fuhr und alles wackelte und der schwere Koffer einfach nicht hinauf wollte und dem Papa mehrmals fast auf den Kopf gefallen wäre. Aber irgendwann hat er es geschafft und dann war es auch schon bald Schlafenszeit.

    Leider konnte ich nicht so gut schlafen, weil das Fenster nicht richtig zu war und deshalb war es ziemlich laut. Am nächsten Morgen hatte der Papa ganz rote Augen, ich glaube, er hat überhaupt nicht geschlafen. Außerdem hatte er Blut im Gesicht, weil er sich in der rumpeligen Toilette beim Rasieren geschnitten hatte, er sah wirklich schlimm aus. Zum Glück hat ihn der Koffer beim Herunterholen nicht erschlagen.

    In Rom sind wir mit einer halben Stunde Verspätung angekommen, deshalb mussten wir rennen, um unseren Zug nach Lamezia Terme in Süditalien noch zu erwischen, aber wir haben es geschafft. Das war eine schöne Fahrt, wir hatten unsere Plätze und im Bordrestaurant gab es leckeres Risotto. "Je weiter man von Deutschland weg ist, desto besser funktioniert die Bahn", hat Papa gesagt, und ich glaube, er hat Recht.

    Zwei Wochen nicht geduscht
    In Italien war es sehr schön. Mama war schon da und wir hatten einen tollen Urlaub, obwohl ich die ersten Tage etwas krank war, weil ich mich im Nachtzug erkältet hatte.
    Nach einer Woche ist Mama wieder nach Berlin abgeflogen und wir sind am nächsten Morgen zum Bahnhof gefahren. Alles hat wunderbar geklappt, nur diesmal hat der Koffer den Papa im Nachtzug tatsächlich fast erschlagen, und geschlafen hat er wieder nicht, glaube ich, weil im Nebenabteil ein alter Mann die ganze Nacht so gehustet hat, dass man Angst haben musste, er überlebt die Fahrt nicht.

    Wir waren dann noch ein wenig bei der Oma und sind schließlich zurück nach Berlin gefahren. Diesmal ist auch der richtige Zug gekommen und wir hatten auch unsere schönen Plätze in einem schönen kleinen Abteil. Leider roch es sehr nach Schweiß, weil da auch ein junger dicker Mann saß, der wahrscheinlich zwei Wochen lang nicht geduscht hatte. Aber das roch man bald nicht mehr, weil ein anderer Mann gleich nach der Abfahrt ein Brathuhn ausgepackt und mit den Fingern gegessen hat. Sah sehr lecker aus!

    Daheim in Berlin war Mama schon da und sah sehr entspannt aus. Ob er das denn wieder machen würde, mit dem Nachtzug nach Italien, hat Mama ihn gefragt und etwas spöttisch gelächelt."Im Prinzip jederzeit", hat Papa gesagt. Aber jetzt brauche er erst mal Urlaub.
  • 2020.01 schrieb:

    Aber dermaßen weit mit dem Zug zu fahren, das machen echt nur hartgesottene Freaks, dafür wurden Flugzeuge erfunden.
    Eh. Ich würde wahrscheinlich auch fliegen. Aber deshalb muss man die Bahnfahrt nicht so madig machen. Und dazu immer der subtile Hinweis: "Die Mama war schon da und sehr erholt." Als ob es noch nie Fotos von Tausenden gestressten Fluggästen auf Flughäfen gegeben hätte, weil gerade wieder einmal ein Ferienflieger in die Pleite gerutscht ist oder die Flugbegleiter streikten.
    dr. bahnsinn - der Forendoktor
  • Ich war beim Umzug öfters mit den Eltern im Nachtzug unterwegs. Meist im Schlafwagen, auch mal alleine im Liegewagen.

    Um ehrlich zu sein, schlafen konnte ich auch nicht ohne Unterbrechung. Andererseits hatte es doch was, im Bett zu liegen, während man dem sanften Surren der Räder auf den Gleisen lauschte, manchmal die Lichter der Bahnhöfe und der Städte sah...

    Nachtzugreisen ist vielleicht nicht jedermanns Sache, umso mehr kann man sich auf die neuen Nachtzugwagen freuen, die in so 2-3 Jahren kommen sollen.

    Es ist eben die Frage, was man will und ob man sich damit arrangieren kann.

    Es wird aber oft in der Sache übertrieben, Leute bauschen Einzelfälle im Reisen so sehr auf, als würde man das immer so haben...
  • Draisinenfan schrieb:

    Außerdem hatte er Blut im Gesicht, weil er sich in der rumpeligen Toilette beim Rasieren geschnitten hatte, er sah wirklich schlimm aus.
    Noch klassisch mit Messer? Mit den modernen Rasierern ist das kaum möglich.

    Draisinenfan schrieb:

    "Je weiter man von Deutschland weg ist, desto besser funktioniert die Bahn", hat Papa gesagt, und ich glaube, er hat Recht.
    In Italien funktioniert die Bahn? 8|

    Draisinenfan schrieb:

    ... obwohl ich die ersten Tage etwas krank war, weil ich mich im Nachtzug erkältet hatte.
    Nachtzüge sind nicht ansteckend und wenn man zu zweit im Abteil liegt, kann man es höchstens vom anderen haben. Dafür kann aber der Nachtzug nichts.

    PS: Stinkende Mitreisende die noch viel näher sitzen gibt es ja im Flugzeug zum Glück nicht.
    PPS: Wenn ich mit wenig Gepäck reise (Weitwandern), dann habe ich auch schon mehrfach knapp 2000 km Luftlinie mit der Bahn zurückgelegt (Die Strecke war vermutlich weit über 3.000 km). Da muss man eben die Reise zum Ziel machen und die ein oder andere Stadt am Weg besuchen.
    PPPS: Ich konnte bis jetzt immer gut schlafen, egal ob PKP, MAV, ÖBB, SNCF oder Elipsos.
  • irgendwie ist das einer mehr von diesen sinnlosen Artikeln, die derzeit grad aus dem Boden spriessen wie die Schwammerln nach dem Regen. Doris Knecht (derStandard.at) fährt mit dem Bus nach Split (oder wer war das, bzw wohin ist die Knecht gefahren? Ich hab schon die Übersicht verloren...), ein anderer Journalistenaspirant schreibt einen Artikel über Wochenendreisen und meint, Marseille sei eh nur 17h mit dem Zug...

    Darum :
    (1) wer Klimaschutz ernst nimmt, wählt schon ganz andere Reiseziele und fährt nicht wegen ein paar Tage fast den ganzen Stiefel hinunter nach Sizilien
    (2) stinkerte Leut' und anderes Ungemach wie Verspätungen und Transportmittelausfälle (KFNB hats schon gesagt) gibts beim Flieger auch.
    (3) man muss sich im Zug wirklich nicht mit dem Messer rasieren, man kann sogar einmal ganz drauf verzichten
    (4) den Koffer für 3 Reisende hab ich im Abteil immer ganz locker untergebracht, einen zusammengelegten Kinderwagen noch dazu. Und das im ganz normalen Schlafwagenabteil ohne Dusche.
    (5) man kann eine Reise auch in Etappen anlegen, auch das hat KFNB schon erwähnt, und der Weg kann ja auch eines der Ziele sein.

    In diesem Sinne : Reisen muss glernt sein, verreisen hat nix mit Reisen zu tun.
  • Die Knecht schreibt doch im Kurier, oder?

    Der Artikel könnte von den typischen Nicht-Zugfahrern geschrieben sein. Denn die wissen ja auch immer Bescheid, dass Züge nur zu spät, zu dreckig, stinkig usw. sind.

    Zuletzt war erst ein kurzer Bericht in der HEUTE, weil der Fleischhacker von Puls4 in Italien gestrandet ist, weil die Garnitur ausgefallen ist. Offenbar gibt's halt sonst nix übers Zugfahren zu berichten.
  • grubenhunt schrieb:

    In Italien sind dis Bahnen uebrigens sehr verlaesslich.
    Dann hat sich da vermutlich einiges zum Besseren verändert. Das wäre sehr zu hoffen.

    Meine letzten, allerdings schon Jahre zurück liegenden Erfahrungen waren leider nicht so gut:
    "Sciopero" (Streik) aus heiterem Himmel. Meist zu touristisch frequentierten Zeiten.
    Es ist schon verwunderlich, wenn man im damaligen Nachtzug Wien-Venedig einen Güterzug zwar etwa in Portogruaro überholt, im nächsten Provinz-Bahnhof aber der eigene Zug aus unbekannter Ursache außerfahrplanmäßig hält. Aus dem Bahnhofslautsprecher eine undeutliche Durchsage. Einzig das Wort "Sciopero" ist irgendwie erkennbar. Eine Stunde Aufenthalt. Der Güterzug fuhr allerdings weiter...
    In Venedig, nach Erwerb einer Tageskarte für die Vaporettos: Sciopero. Einzig zum Lido di Venezia fuhren ein paar Streikbrecher.
    Aber dafür war es ganz nett und interessant, die Lagunenstadt zu Fuß zu erkunden.

    Rückfahrt drei Tage später mit dem Nachtzug Venedig-Wien. Es kam, wie es kommen musste: Sciopero der FS Italia.
    In Venezia SMN war ein (unbeleuchteter) ÖBB-Waggon bereitgestellt, der dann in Mestre an den Nachtzug Rom-Wien mit zwei Stunden Verspätung angekoppelt wurde.
    Auf der gemütlichen Fahrt durch Österreich (der Fernzug hatte ja wegen der Verspätung seine Priorität verloren) scheiterte mein Versuch, im anschließenden Schlafwagen einen Kaffee zu bekommen, mit den Worten des Schlafwagenschaffners "finito l'acqua".

    Ähnlich unerquicklich auch andere Erfahrungen mit kombinierten Flug- Bahn- und Busreisen. Aber ich will Euch nicht langweilen.

    Ein bisschen hat man den Eindruck, das sind schon Abwehrmaßnahmen gegen zu massiven Tourismus.
    In Italien die Streiks, in Griechenland die Waldbrände (habe ich selbst erlebt).

    Sehr positiv waren meine Eindrücke allerdings auf der praktisch nur touristisch genützten Insel Ischia. Dort hat alles perfekt funktioniert. Trotz massivem Andrang auch der Neapolitaner und ausländischer Touristen und bei den Transfers sehr knapp bemessenen Zeitplänen.
    Hut ab!
  • Ja, Italien ist sehr viel besser geworden.

    In den letzten 5 Jahren hab ich eine Verspaetung von 45min erlebt (Maschinenschaden), sonst war alles puenktlich oder die Verspaetung (aus Frankreich) eingeschleppt.

    Im Regionalverkehr gibts halt massive Unterschiede zwischen den Regionen. So hat mir ein Einheimischer erklaert, dass die von vielen Touristen benutzte Linie Napoli - Sorrento (an der ja auch Pompei liegt) gegenueber den anderen Linien der Circumvesuviana bevorzugt wird. Wir haben dort nur Verspaetungen im Minutenbereich erlebt.
  • grubenhunt schrieb:

    dass die von vielen Touristen benutzte Linie Napoli - Sorrento (an der ja auch Pompei liegt) gegenueber den anderen Linien der Circumvesuviana bevorzugt wird. Wir haben dort nur Verspaetungen im Minutenbereich erlebt.
    Ich bin auf dieser Strecke im Jahr 2007, als wir von Neapel in Kampanien unterwegs waren, drei Mal unterwegs waren, drei Mal gefahren (Sorrent, Pompeji, Herculaneum). Auch ich kann mich an keine Verspätungen erinnern.
    Anders war es, als wir im Jahr 2005 eine Woche in Kalabrien verbrachten und mit Trenitalia fuhren. Ohne Verspätungen ging da gar nix.
    dr. bahnsinn - der Forendoktor
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